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Auf alles vorbereitet!

Die Hauptfigur Walter Noack lebt in Berlin und Walter Noack ist vorbereitet. Für den Katastrophenfall. Er sammelt Vorräte in Dosen, Streichhölzer, Medikamente, Werkzeuge, Wasserfilter. In seiner Umgebung hat er Versorgungsstationen eingerichtet. Verstecke im Unterholz mit Kleidung, Lebensmitteln, Geld und Papieren, falls in Berlin alles zusammenbricht. Walter Noack ist ein so genannter Prepper. Prepper ist vom Englischen „to be prepared“ abgeleitet, also „vorbereitet sein“. 

Walter Noack hält sich dazu auch noch körperlich fit. Er geht jede Nacht joggen und schwimmt in der Spree gegen die Strömung. Und Walter hat einen sehr interessanten Job. Er arbeitet bei einer Zeitung und moderiert die online-Foren.

Und es ist eine unglaubliche Flut an Hasskommentaren, die da jeden Tag reinkommen. Insgesamt arbeiten 4 Leute im Schichtdienst daran die Beschimpfungen und Drohungen, wie Hass auf Ausländer, Wut auf die Politik und Todesdrohungen zu löschen. Dafür braucht man starke Nerven, das darf man nicht an sich ran lassen.

Zum Beispiel: „Deutschland geht an der Blödheit seiner Volkszertreter zugrunde (…) Der nächste Sommer wird in Deutschland sehr blutig!“  Mehr kann und will ich nicht zitieren. Die Kommentare sind menschenverachtend und in ihrer Masse schwer zu ertragen. Das Zitat ist aber nur ein kleiner Eindruck von dem, was der Protagonist Walter Noack jeden Tag lesen und löschen muss. Und natürlich werden Walter und seine Kollegen auch bedroht. Und wird er eines Nachts auch tatsächlich vor der Redaktion angegriffen.

Wer der Täter ist, bleibt erst mal unklar, denn Walter Noack hat ihn nicht gesehen. Der Sicherheitschef des Medienhauses ist sich allerdings ziemlich sicher: Hinter dem Angriff steckt bestimmt jemand aus der benachbarten Flüchtlingsunterkunft.

Ein paar Wochen später wird Walters Kollegin angegriffen. Gleicher Ort, gleiche Zeit. Diese Erlebnisse stürzen Noack in eine tiefe Krise. Die Gewalt wird für ihn plötzlich real, zudem fühlt er sich als Versager, trainiert wieder härter und stockt seine Vorräte auf. Man spürt richtig, wie es in Noack nagt. Aber richtig explodiert es in ihm, als sein Sohn tot aufgefunden wird.

Der Thriller kommt ganz ohne Ermittler aus und man vermisst ihn auch nicht. Dem Autor Johannes Groschupf geht es eher um eine Gesellschaftsanalyse als um die Ermittlungen. Hasskommentare, Fake News, Reichsbürger und Rechte sind im Leben von Walter Noack überpräsent. Ein Zustand, der ihn an der Welt zweifeln lässt und das als Prepper, der ja auf alles vorbereitet sein will. Das ist die explosive Mischung, die ihn antreibt, den Mörder zu finden.

Fazit

Der Autor Johannes Groschupf schreibt nüchtern und kühl. Das und die dauernd zitierten Hasskommentare erzeugen die Stimmung der Härte des Romans. Die Geschichte wird zügig erzählt und ist richtig gut. Besonders das Eintauchen in die Prepper-Szene hat mich fasziniert. Für mich ein erschreckend realitätsnaher Gegenwartsroman – den ich guten Gewissens empfehlen kann.

Johannes Groschupf: Berlin Prepper, 236 Seiten, 14,95 Euro, Suhrkamp Verlag, ISBN 978-3518469613

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