Wer waren unsere Großeltern, Ur-Großeltern, Ur-Ur-Großeltern? Es heißt, man stirbt zwei mal – einmal den Tod, wenn das Herz aufhört zu schlagen und einmal, wenn man in den Herzen der Menschen in Vergessenheit gerät, die einen kannten.
Nie gekannt hat Henning Sussebach seine Ur-Großmutter Anna Kalthoff. Mit seinem Buch Anna oder: Was von einem Leben bleibt hat er ihr ein Denkmal gesetzt. Noch heute spricht die Familie bei Feiern über Anna, eine Frau, die 1866 in eine Gastwirt-Familie geboren wird. Sie ist die vierte Tochter. Was bleibt Mädchen/ Frauen in dieser Zeit? Ehefrau, Mutter?

Anna wird Lehrerin – ich schätze nicht ganz freiwillig, aber sie muss Geld verdienen. Die Ausbildung finanziert noch die Mutter, der Vater stirbt früh. So kommt Anna mit gerade mal 20 ins Sauerland, Cobbenrode und legt dort eine ungeahnte Karriere hin. Ungeachtet dessen, was die Menschen im Dorf von ihr denken – und das macht Anna so außergewöhnlich.
Henning Sussebach hat einiges über seine Ur-Großmutter herausgefunden, die Rekonstruktion ist aber in großen Teilen unvollständig, logisch, Zeitzeugen gibt es heute nicht mehr. Dafür aber jede Menge historische Fakten und in diese bettet Sussebach Annas Geschichte ein. Nicht aufdringlich, sondern ganz fein, darauf bedacht, dass die Lesenden wissen, um wen oder was es geht. Anna wird zu Beginn der Industrialisierung geboren und da ist jedes Jahr ein Jahr des Fortschritts an das wir uns erinnern.
Fazit
Was ein Buch! Ich hab gleich danach die alten Familienalben aus dem Schrank gezogen und angeschaut, zugeordnet, Gesichter meiner Familie studiert, nachgesonnen. Anna Kalthoff bekommt – trotz wenigen Fakten über ihr Leben – eine scharf Kontur, man lebt und leidet mit ihr. Besonders ist, dass Sussebach sich immer wieder ermahnt, nicht zu urteilen, seine Zeit außen vor zu lassen, nicht zu interpretieren. Ein großes – kleines – Buch und eine Herzensempfehlung.
Henning Sussebach: Anna oder: Was von einem Leben bleibt, 205 Seiten, C.H.Beck, 23 Euro, ISBN 978-3-406-83626-8