Zauberberg reloaded

Vor 100 Jahren ist Der Zauberberg von Thomas Mann erschienen, ein Bildungsroman mit schlappen 1.200 Seiten. Etwas mehr als 200 Seiten hat nun Der Zauberberg – die ganze Geschichte von Norman Ohler. Wo Thomas Mann Wert auf Vollständigkeit legte, lässt Ohler hier Raum für Geschichten.

Ohler reist mit seiner Tochter nach Davos, in jedes Bergdorf in der Schweiz, von dem auch Thomas Mann schreibt. Sein erster Gedanke ist, wie er die teure Reise beim Finanzamt absetzen kann. Freie Autoren können das, wenn sie eine Recherchereise für ein neues Projekt angehen. Aus diesem Gedanken und ein wenig getriggert vom Hotel, in dem die beiden übernachten (ein altes Sanatorium), will er mehr über Davos erfahren. Gräbt sogar im Archiv der Stadt.

Herausgekommen ist ein Buch, das über Marker in der Geschichte Davos‘ erzählt. Wie der deutsche Flüchtling Alexander Spengler aus dem armen Bergdorf einen gefeierten Kurort macht – für die Schwindsüchtigen, die bis heute gefährliche Infektionskrankheit. Ihr werdet erstaunt sein, wer alles nach Davos gereist ist – 1878 war das Bergdorf bereits ein globalisierter Ort mit allem was dazu gehört, vor allem Umweltverschmutzung.

Katia Mann kommt 1912 ins Sanatorium. Ich gebe zu, es ist ein romantische Vorstellung warm eingepackt auf dem Balkon zu liegen und nichts zu tun… Sie ist die Quelle Nummer 1 für Thomas Mann, der sie nur 3 Wochen besucht und daraufhin über Jahre hinweg seinen Zauberberg schreibt.

Aber es gibt auch eine Geschichte nach Manns Zauberberg. David Frankfurter erschießt einen Nazi und ändert damit vielleicht ein Stück Geschichte für die Schweiz.

Nicht zu vergessen: beide Zauberberge weisen Parallelen auf. Und am Ende geht es doch immer um die Liebe – eine Quintessenz, die bei Thomas Mann zu kurz kommt.

Fazit

Einfach schön. Ich habe Der Zauberberg – die ganze Geschichte LEIDER an einem Abend verschlungen. Faszinierend, was Norman Ohler alles „ausgegraben“ hat, in den Archiven vor Ort. Sir Arthur Doyle hat das Skifahren erst populär gemacht! Von David Frankfurter hatte ich bin dato nichts gehört und am Ende bleibt die Frage: Wie ist angemessen zu leben mit all den Krisen und Kriegszeiten? Damals wie heute eine wichtige Frage. Die Antwort gibt Norman Ohler im hr2-Kulturgespräch – wer Lust hat einfach mal reinhören und das Buch ist eine dicke Leseempfehlung.

Norman Ohler: Der Zauberberg – die ganze Geschichte, 272 Seiten, Diogenes, 25 Euro, ISBN 978-3-257-07318-8

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