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Ein blinder Zeuge auf Spurensuche

Kennt ihr die App „be my eyes“? Mit der App können sich Blinde von Sehenden anonym per Videochat helfen lassen. Ist die Wurst noch haltbar? Welcher Pulli ist der rote usw. Ich benutze die App auch und genau deshalb ist mir „Blind“ von Christine Brand aufgefallen.

„Be my eyes“ benutzt im Buch der blinde Nathaniel. Er ist mit Carole verbunden und während die beiden plaudern hört Nathaniel einen Schrei, ein Rumpeln und die Leitung bricht ab.

Das kann jetzt alles sein, ein Unfall, ein Mord, eine Entführung oder ein schlechter Witz auf Kosten eines Blinden. Und auch die Polizei ist sich da nicht sicher. Nathaniel ruft dort natürlich sofort an, aber wer glaubt schon einem blinden Zeugen?! Eine fast aussichtslose Situation. Nathaniel lässt aber nicht locker und bittet seine Freundin Milla – die Karla Kolumna des Schweizer Fernsehens – um Hilfe. Sie lässt ihre Kontakte spielen.

Milla ist derzeit aber noch an einem ganz anderen heißen Story dran. In einer Klinik sind mehrfach Menschen mit einer HIV-Infektion aufgetaucht, die diese sich nicht erklären können. 

Das klingt wie ein zweiter Fall – aber beide Geschichten hängen zusammen. Und Nathaniel und Milla bringen sich in Lebensgefahr.

„Blind“ ist ein solider Krimi, gut konstruiert und nachvollziehbar. Besonders spannend finde ich den blinden Nathaniel als Zeugen und wie er trotz Handicap Mittel und Weg findet dem Verbrechen auf die Spur zu kommen. Schön war es auch ein Buch mit etwas Schweizer Lokalkolorit zu lesen. Die Geschichte spielt im kleinen Bern und irgendwie hat es die Autorin geschafft, dass man sich dort wie zu Hause fühlt. Und wenn ich mich nicht täusche, dann ist „Blind“ der Anfang einer neuen Krimiserie. Ich bin schon gespannt auf Teil 2.

Christine Brand: „Blind“, 448 Seiten, 15,00 Euro, Blanvalet, ISBN 978-3764506452

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Chaos statt Genre – ein Abenteuer

Bela B. Felsenheimer hat ein Buch geschrieben mit dem wunderbaren Titel „Scharnow“. Echt jetzt?

Da fragt man sich doch tatsächlich warum und das beantwortet Bela B. schlicht: „Ein Buch zu schreiben ist etwas, das ich noch nie gemacht habe, also habe ich eins geschrieben.“ Und dazu kommen sicherlich noch gute Kontakte zum Verlag…

Die Frage ist aber, taugt das Buch was?

Für die einen ja, für die anderen nein. Ich persönlich hab mich riesig auf dieses Abenteuer – so kann man das Lesen von Scharnow am besten beschreiben – gefreut. Ursprünglich wollte Bela B. einen Kurzgeschichtenband veröffentlichen und hat aber dann  alle Geschichten zu einer verbunden – in rund 400 Seiten. Und aus ihnen springt einem das pure Chaos entgegen!

Es ist ein Buch, das sich in kein Genre pressen lässt, es ist ein bisschen Psychothriller, Comic-Heft, Liebesroman und so vieles mehr.

In Scharnow, einem kleinen, beschaulichen Kaff in Brandenburg, in dem der Hund begraben zu sein scheint, überschlagen sich die Ereignisse. 

Menschen kommen auf mysteriöse Weise ums Leben, eine Säufer-WG überfällt nackt einen Supermarkt, ein Superheld wird nach 25 Jahren endlich von der Öffentlichkeit entdeckt und Verschwörungstheorien über die Weltenlenker sorgen für weitere Verwirrung. Aber keine Sorge, es gibt ein Namensregister am Anfang! Nützt aber rein gar nichts – Scharnow ist anders, Scharnow sprengt jede Gesetzmäßigkeit.

Vor allem die Geschichte der Supermarkt-Kassiererin Sylvia ist hängengeblieben. Bei ihr laufen alle skurrilen Geschichten früher oder später zusammen. Sylvia ist der Inbegriff der gescheiterten Liebe. Sie verliert erst ihren Milliardär-Mann, dann wird ihr Hund erschossen, kurz darauf ihr Liebhaber und auch ihr neuer Kater hat ein kurzes Leben. Die tragische Heldin in Scharnow.

Fazit

Ich bin hin und her gerissen. Zum Einen macht Scharnow riesen Spaß beim Lesen. Eben weil es in kein Genre passt und null vorhersehbar ist. Die Sprache ist leicht und locker und tut nicht weh – naja, manchmal übertreibt Bela B. mit schlechten Metaphern. Zum Anderen lässt Scharnow einen völlig ratlos zurück. Vielleicht hat Bela B. ein bisschen zu viel gewollt. Zu viel, um seinen Roman rund zu machen. Aber für ein kurzweiliges Abenteuer taugt es allemal!

Bela B. Felsenheimer: Scharnow, 416 Seiten, 20,00 Euro, Heyne Hardcore, ISBN 978-3453271364

Krimi mit Mimi 2.0

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Seit 2012 ist Bloggerin Miriam Semrau als Krimimimi zusammen mit meinem Kollegen Alf Mentzer auf Sendung in hr2 Kultur. Ab morgen bin ich ihre neue Gesprächspartnerin.

Wir stellen euch immer 3 Bücher vor, diskutieren komplett spontan und wir sind nicht immer einer Meinung 🙂

In unserer ersten Folge geht es um:

  • Cilla und Rolf Börjlind: Wundbrand
  • Jeong Yu-Jeong: Der gute Sohn
  • Christine Brand: Blind

Ja, Folge! Denn ihr könnte ab sofort Krimi mit Mimi als Podcast abonnieren – auf hr2.de, der ARD-Audiothek und auch über iTunes und alle Podcatcher.

Oder ihr schaltet live rein: morgen um 22 Uhr Krimi mit Mimi in hr2 Kultur.

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Verstörend und faszinierend

Es ist ein Debüt, das die Geister scheidet. Die einen loben, die anderen sind schockiert. Es geht um 1793, ein Roman des Schweden Niklas Natt och Dag, der 2017 mit dem Schwedischen Krimipreis ausgezeichnet wurde.

Aber was ist so schockierend daran? Es ist außergewöhnlich grausam, erschreckend und faszinierend zugleich. Es gibt einen Mord, der so widerwärtig ist, wie der Ort, an dem die Geschichte spielt, Stockholm im Jahr 1793. Der Autor zeichnet ein so detailliertes Bild der Stadt, das nichts mehr mit unserem romantisch verklärten Blick in die Vergangenheit zu tun hat. Es setzt uns auf den Boden der Tatsachen und das nicht gerade sanft. Puderperücken liegen zertreten im Rinnstein, Röcke sind fadenscheinig, es geht um große und kleine Betrüger, die alles tun, um zu überleben, um Frauen in der Gesellschaft und eine kleine Elite, die das Geld hat, sich alle Wünsche zu erfüllen. Das alles bettet Natt och Dag in eine stinkende und heruntergekommene Stadt ein, in der Moral und Sitte abhanden gekommen sind. Er beschreibt beispiellos das raue Leben in den schmutzigen Gassen Stockholms und ebenso den entsetzlichen Mord.

Eine bis zu Unkenntlichkeit verstümmelte Leiche wird gefunden – naja, eigentlich nur Torso und Kopf. Untersuchungen zeigen, dass der Tote monatelang gefoltert wurde. Nach und nach wurden dem noch Lebenden seine Gliedmaßen entfernt.

Der ehemalige Anwalt Cecil Winge – er war bei der Stockholmer Polizei für die „besonderen Verbrechen“ zuständig – stellt sich nun der scheinbar unmöglichen Aufgabe, die Identität des Toten und die des Mörders zu finden. Dabei hilft ihm der grobschlächtige Mickel Cardell, ein Kriegsveteran mit einer Holzhand, der sich mehr schlecht als recht als Stadtknecht über Wasser hält.

Ihre Ermittlung – immer wieder behindert durch die korrupte Polizei – führt sie zu einer sadistischen Geheimorganisationen der Reichen. 

In dieser Welt ist sich jeder selbst der Nächste und nur Cardell und Winge kämpfen dagegen an: Sie setzen Humanismus gegen Horror und Chaos.

Cardell und Winge sind beide Männer der Aufklärung. Cardell aber eher der Pragmatiker, der Mann des Volkes, der seine Fäuste für die gute Sache sprechen lässt. Winge dagegen ist der Rationalist, der Denker. Jeden Tag nimmt er seine Taschenuhr auseinander, um sie zu reinigen und die Zahnräder wieder zusammenzusetzen. Das Tragische dabei: Winge rennt die Zeit davon, er ist an Tuberkulose erkrankt.

Die Ermittlung allerdings bleibt nicht der einzige Handlungsstrang der Geschichte. Wir bekommen es mit zwei weiteren zu tun, die sich parallel entwickeln.

Zum einen ist da Kristofer Blix, ein junger Mann, der gerne Arzt werden würde. Er hat gute Absichten, doch das Schicksal stellt ihn auf die Probe. Durch Gaunereien schwimmt der erst Mittellose plötzlich auf der Welle des Erfolgs und er fällt um so tiefer, als er alles verliert.

Und zum Anderen lesen wir über das traurige Schicksal der Anna Stina, einer jungen Waise, die sich nach dem Verlust der Mutter erst mal mit dem Verkauf von Obst das Nötigste verdient, um zu überleben. Sie wird aber schnell der Hurerei verdächtig und zu 4 Jahren Spinnhaus verurteilt, einem Gefängnis für Frauen. Sie erlebt eine Grausamkeit nach der anderen. Von Demütigung bis hin zu Gewalt und Missbrauch. 

Und sehr lange ist nicht klar, ob und wie Kristofer Blix und Anna Stina mit dem Mord in Verbindung zu bringen sind. Aber die Fäden der 3 Geschichten laufen stringent zusammen.

Fazit

Der Roman ist ein typischer nordischer Noir zur Zeit der Aufklärung. Mit 1793 hat Niklas Natt och Dag meiner Meinung nach mehr als nur einen Krimi geschaffen. Er packt seine – und das muss ich so sagen – widerwärtige Handlung – in ein Setting, das seines gleichen sucht. Stockholm wird ein Spiegel, der im Buch beschriebenen Figuren. Sein Schreibstil weckt Entsetzen und Ekel und zeigt uns eine verstörende Welt, wie sie tatsächlich gewesen sein könnte und wir es doch nicht für möglich halten.

1793 ist intelligenter, gut inszenierter Horror. Wer es etwas außergewöhnlich und drastisch mag, für den ist 1793 genau das Richtige.

Niklas Natt och Dag: 1793, aus dem Schwedischen von Leena Flegler, Piper Paperback, 496 Seiten, 16,99 Euro, ISBN 978-3492061315

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Raus aus dem Erfahrungskäfig!

Nichts ist wie es scheint – das trifft zu 100% auf den neuen Psychothriller von Clare Mackintosh zu. Die Britin kennen wir von „Meine Seele so kalt“ – ein Debüt, dass sich bis heute weltweit über eine Millionen Mal verkauft hat. Das mag daran liegen, dass die Autorin weiß, worüber sie schreibt. Denn ursprünglich arbeitete sie 12 Jahre bei der Polizei.

Das aktuelle Buch heißt „Deine letzte Lüge“ und stellt alle unsere Erfahrungswerte auf den Kopf.

Die 25 jährige Anna Johnson hat auf tragische Weise ihre Eltern verloren. Beide beginnen im Abstand von nur wenigen Monaten Selbstmord. Sie sprangen – nach dem gleichen Muster – von einer Klippe in der Nähe ihres Wohnortes. Das Meer hat ihre Leichen nie an Land gespült. Anna trauert und ist selbst nach einem Jahr noch verzweifelt – umso mehr, weil sie selbst gerade Mutter geworden ist. Am 1sten Todestag ihrer Mutter erhält sie eine Nachricht. Ein Kärtchen vor der Haustür auf dem steht: „Selbstmord? Von wegen.“ Anna fühlt sich bestätigt – ihre Eltern haben sich nicht umgebracht, sie wurden ermordet – und geht zur Polizei.

Die Ermittlungen nimmt Murray Mackenzie auf. Ein pensionierter Polizist, der seit einiger Zeit am Empfang der Polizeiwache einen Nebenjob hat. Und der Mann ist gut!

„Deine letzte Lüge“ braucht einen Moment, bis es in Fahrt kommt. Auf den ersten Seiten fragt man sich, wo denn hier der Thriller anfängt. Aber ab dem Zeitpunkt, als Anna mehrfach bedroht wird nimmt die Geschichte an Fahrt auf. Anna soll die Ermittlungen ruhen lassen. Denn das Verbrechen war perfekt und droht nun aufzufliegen. Jeder wird plötzlich verdächtig und wenn man glaubt endlich die wahre Geschichte zu kennen, fällt einem auf, das man einer weiteren Lüge aufgesessen ist. Die Wendungen sind unerwartete und folgen in immer kürzeren Abständen bis zum alles entscheidenden Showdown.

Fazit

Clare Mackintosh hat ein Händchen dafür dem Leser seinen eigenen Erfahrungskäfig aufzuzeigen. Sie fordert dazu auf bei einem Verbrechen alle Möglichkeiten, und seien sie noch so unwahrscheinlich, in Betracht zu ziehen. Ihre Figuren haben eine solche Tiefe, dass sie unsere Nachbarn sein könnten. Hoffentlich plant keiner von ihnen einen Anbau…

Clare Mackintosh: „Deine letzte Lüge“, aus dem Englischen („Let me lie“) von Sabine Schilasky, 463 Seiten, 11 Euro, Bastei Lübbe, ISBN 978-3-404-17703-5