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Da steckt des Teufels Kern!

Johann Wolfgang von Goethe hat vor 271 Jahren das Licht der Welt erblickt und sie später dann in Europa entscheidend geprägt. Literarisch als auch als Naturforscher. Seine Hauptwerke sind allen bekannt, sie zählen zeit Jahrzehnten zum Schulstoff und sind auf unseren Bühnen nicht mehr wegzudenken. Der italienische Autor Paolo Maurensig hat sich in seinem aktuellen Roman Der Teufel in der Schublade dem Reigen menschlicher Eitelkeiten gewidmet und zieht damit eindeutige Parallelen zu Goethes Faust.

Ein Faust und mit ihm gleich ein ganzes Dorf wird vom Teufel verführt. Hier, in Dichtersruh in der Schweiz, soll vor 200 Jahren Goethe übernachtet haben, der auf der Durchreise war. Die Einwohner machen sich den Umstand schnell zu nutzen und vermarkten Goethes Besuch für die Touristen. Die 3 Gasthäuser im Ort bestehen alle darauf, dass Goethe bei ihnen die Nacht verbracht hat und alle Bewohner halten sich für aufstrebende Literaten, die die Verlage des Landes mit ihren Manuskripten ersticken, ob Lyrik, Memoiren, Krimis oder Romane. Um es kurz zu machen – von Goethes Genie ist nichts auf die Dichtersruher übergegangen. Aber jeder von Ihnen hat mindestens ein Manuskript in der Schublade.

Und da liegt auch schon des Pudels Kern – also in der Schublade. Aber noch fehlt Mephisto, der groß angekündigt wird. Tollwütige Füchse dringen in das Dorf ein, so dass die Bewohner nachts nicht mehr vor die Tür gehen können. Von jetzt auf gleich verschwinden die Füchse und es erscheint Dr. Fuchs, ein Verleger aus Luzern, unser Mephisto.

Und ganz nach Goethe erkennt ihn niemand, nur Pater Cornelius bemerkt seine merkwürdig, aufgesetzten Züge, sein Humpeln, seine Feindseligkeit ihm gegenüber. Doch die Dorfbewohner sind so von Dr. Fuchs eingenommen, dass sie nicht merken, dass sie sich mit dem Teufel eingelassen haben. Und der mischt die Dorfgemeinde dann so richtig auf, schlau, wie Reineke Fuchs.

Der Fuchs hat eine wichtige Rolle bei Maurensig. Dr. Fuchs bzw. die Füchse sind omnipräsent in diesem „teuflischen“ Buch, nicht nur auf dem Cover. Die Geschichte ist spielerisch, irreführend, nimmt sich mal zurück und dreht sich dann ins Böse, ganz wie ein tollwütiger Fuchs, der nur zum Ziel hat, endlich zuzubeißen. Dichtersruh wird zu einem Ort des Schreckens, denn das Verlangen nach Ruhm und Anerkennung zerstört Familien und Freundschaften und lässt viele sogar die Menschlichkeit vergessen.

Kann das Dorf vor dem Teufel gerettet werden?

Ich würde die Frage gerne noch weiter fassen: Kann die Welt vor dem Teufel gerettet werden? Paolo Maurensig bringt die harte und neidzerfressene Welt der Literatur auf engstem Raum zusammen – nach Dichtersruh. Maurensig beschreibt die Literatur als Werk des Teufels, die Verleger als seine Agenten und talentlose Autoren als seine Werkzeuge. Der Teufel in der Schublade ist eine provokanten Geschichte über die Fähigkeit des Bösen eine Gemeinschaft ins Chaos zu stürzen und es gibt eine weitere Frage, die Maurensig zu klären versucht: Kann sich Hass und Neid ausbreiten wie die Tollwut?

Paolo Maurensig veröffentlichte seinen ersten Roman 1994, da war er bereits 51 Jahre alt. Geschrieben hat er aber schon in seiner Jugend, erfolglos – der Roman könnte eine Art Abrechnung mit dem Verlagswesen sein… Denn seine Texte wurden von den Verlagen abgelehnt – zu experimentell hieß es. Er arbeitete dann als Handelsvertreter, bis es mit seinem ersten Roman „Die Lüneburg-Variante“ geklappt hat. Darin geht es um einen jüdischen Schachspieler, der mit einem Spiel gegen einen KZ-Aufseher das Leben von Insassen retten könnte. Und auch hier tauchen schon Themen auf, die Maurensig in seinen Romanen immer wieder aufschienen lässt: die Perfektion der Kunst, das Böse und der Schmale Grat zwischen Genie und Wahnsinn.

Fazit

Schaurig schön! Und auch irgendwie befremdlich, denn wer glaubt heute noch an die Existenz des Teufels mit all seinen Attributen und seiner Macht die Welt ins Chaos zu stürzen. Aber es gibt sicherlich immer wieder herausfordernde Situation, die das Schlechteste im Menschen hervorrufen. Der Teufel in der Schublade führt uns genau das vor Augen und ist dabei noch kurzweilig erzählt. Mehr eine Fabel als eine Novelle – ein Buch, dass Sie nicht verpassen sollten.

Paolo Maurensig: Der Teufel in der Schublade, aus dem Italienischen von Rita Seuß, 176 Seiten, Nagel & Kimche, 18 Euro, ISBN 978-3-312-01181-0.

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