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Antonia Brico geht ihren Weg

Es ist die Geschichte der Dirigentin Antonia Brico, die die niederländische Autorin und Filmemacherin Maria Peters erzählt. Brico war eine der ersten erfolgreichen Dirigentinnen der Welt.

Die Autorin Maria Peters hat sich eng an den Dokumentarfilm über Brico von 1974 gehalten und mit dem Cousin von Brico zusammengearbeitet, der ein sehr enges Verhältnis zu ihr hatte. Dennoch findet sich natürlich einiges an Fiktion wieder – aber sehr sorgfältig ausgewählt.

Wer war Antonia Brico?

Antonia Brico wurde 1902 in Rotterdam geboren und wuchs in den USA bei Pflegeeltern auf. Ihre großen Idole waren Albert Schweitzer – in seiner Funktion als Organist und Arzt und der niederländische Dirigent Willem Mengelberg – und ihm wollte Brico nacheifern. Doch noch nie hat eine Frau in dieser Rolle auf der Bühne gestanden.

Der Roman erzählt uns von den ersten Schritten Bricos hin zur Dirigentin in den Jahren 1926 bis zu Gründung der New York Women’s Symphony 1934.

Zu diesen Zeiten wirklich undenkbar, dass eine Frau ein Orchester leitet – die Konzertwelt war eine rein männliche. Das muss auch Brico schmerzlich erfahren. Als sie sich auf ein Konzert von Mengelberg, das er in New York gibt, schleicht, verliert sie ihren Job als Platzanweiserin im Konzerthaus. Sie braucht nicht nur das Geld, sondern auch die Musik. Aber alles was man einer Frau zugesteht ist Pianistin oder Sängerin zu werden. Brico schafft es aufs Konservatorium, muss dieses aber verlassen, als es zu Unstimmigkeiten mit ihrem Lehrer kommt, also sexuelle Belästigung.

1927 verlässt sie New York und reist nach Europa. In Amsterdam lauert sie quasi Mengelberg auf und bittet ihn, sie zu unterrichten. Mengelberg allerdings schickt sie mit einem Schreiben zu Karl Muck. Und der ist so verrückt und nimmt sich Bricos an. Sie studiert sogar als erste Frau auf der Akademie das Dirigieren.

1930 macht sie von sich reden, als sie bei den Berliner Philharmonikern debütiert.

Brico hat sich nicht so leicht unterkriegen lassen, sicherlich ein harter Kampf, der nicht spurlos an ihr vorbeigegangen ist. An ihrer Seite, kein fester Partner. Es mag mehrere Liebesbeziehungen gegeben haben, aber keine von Dauer. Im Roman steht Frank stellvertretend für diese Männer. Frank ist Konzertmanager und Sohn einer reichen Familie aus Long Island. Brico verliebt sich in ihn, doch als er ihr einen Heiratsantrag macht, verlässt sie ihn – für ihren großen Traum, dem eine Ehe und Kinder im Weg stehen.

1934 gründet sie die New York Women’s Symphony, das sich aber schon nach 4 Jahren auflöste. Wurde aber nie Chefdirigentin, obwohl ihr 1941 so ein Posten beim Denver Symphony Orchestra in Aussicht gestellt wurde, aber die Herren haben dann kalte Füße bekommen. Auch hat sie nie so viele Aufträge als Gast-Dirigentin bekommen, wie ihre männlichen Kollegen. Ihren Lebensunterhalt hat sie dann als Klavierlehrerin verdient.

Fazit

Das Buch hat mich nachhaltig beeindruckt. Es ist gefühlvoll geschrieben und kurzweilig. Die Autorin zeigt uns die schillernde und facettenreiche Musikwelt der 20 Jahre in New York, Amsterdam und Berlin. Seien das schummrige Hinterhof-Varietees mit Travestiekünstlern, die glänzenden Konzerthäuser wie das Met in New York, aber auch arbeitslose Musiker, die nach der Wirtschaftskrise 1929 auf der Straße standen.

Antonia Brico ist eine Frau, die trotz aller Widerstände ihren Weg geht und trotz aller Rückschläge und Hindernisse weitermacht. Eine Frau, die uns Frauen heute den Weg geebnet hat. Ohne Antonia Brico und ihren Kampf, gäbe es vielleicht keine Joana Mallwitz oder Susanna Mälkki. Aber von Gleichstellung können wir immer noch nicht reden: 2008 veröffentliche die britische Zeitschrift Grammophone eine Rangliste der besten 20 Orchester der Welt – keines dieser Orchester hatte je eine Chefdirigentin. 2017 gab es eine Liste mit den 50 besten Dirigenten aller Zeiten – darunter ist nicht eine Frau.

Maria Peters: Die Dirigentin, aus dem Niederländischen von Stefan Wieczorek, 336 Seiten, Atlantik Verlag, 22 Euro, ISBN 978-3-455-00960-6. 

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